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Prävention durch Therapie: Das Projekt „Kein Täter werden“ des
Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charite
Berlin.
1.
Ausgangspunkt
Nach den
Erkenntnissen des Instituts für Sexualwissenschaft und
Sexualmedizin der Universitätsklinik Charité Berlin sind etwa 1
% aller Männer in Deutschland sexuell ansprechbar für den
kindlichen Körper. Dabei steht seit Langem fest, dass die
krankhafte Neigung, den kindlichen Körper als alleiniges
Sexualobjekt zu sehen (Pädophilie) nicht heilbar ist. Sie
entwickelt sich ohne Zutun des Betroffenen in der Pubertät und
bleibt dann bis zum Lebensende bestehen. Dementsprechend zieht
sich die Problematik durch alle sozialen Schichten: Pädophilie
findet sich bei Arbeitern und Ärzten, bei Unternehmern und
Angestellten, bei Akademikern und Ungelernten. Viel mehr weiß
man aber nicht. Im Bereich der Erforschung des Krankheitsbildes
und im Wissen um die Behandlung von Pädophilen klafft eine
dramatische Lücke. Diese steht in eklatantem Gegensatz zu der Aufmerksamkeit, die das Problem medial und in der
Öffentlichkeit erfährt. Gleichzeitig ist es für die Betroffenen
praktisch unmöglich, eine ambulante Betreuung in Deutschland zu
finden. Grund hierfür ist eine stark ausgeprägte Furcht der
niedergelassenen Psychiater und Psychologen, die Betroffenen als
Patienten anzunehmen:„Wenn etwas passiert, stehe ich morgen in
der Bild-Zeitung.“ Das Bedürfnis nach Behandlung besteht unter
den Betroffenen jedoch, ganz im Gegensatz zur weitverbreiteten
Ansicht, dass „solche Menschen“ mit sich und ihrer Neigung im
Reinen wären, jedenfalls keine Veränderungswünsche hätten.
Vielmehr erkennen zahlreiche Betroffene, dass sie ihre eigene
Sexualität, dem neben der Selbsterhaltung stärkstem Trieb des
Menschen, ständig unterdrücken müssen, um in der Gesellschaft
legal und ohne Stigmatisierung leben zu können. Das Wissen, dass
der Wunsch nach Liebe, Zärtlichkeit und Anerkennung – für andere
eine Selbstverständlichkeit – sich stets auf ein verbotenes
Subjekt richtet und daher nie legal erfüllt werden wird, löst
bei zahlreichen Betroffenen ständige Suizidfantasien aus. Der
Leidensdruck ist immens.
2. Ansatz
An diesem
Punkt setzt das Projekt „Kein Täter werden“ des Instituts für
Sexualwissenschaften und Sexualmedizin der Charité Berlin an. Es
will gezielt therapiebereite Männer im sogenannten Dunkelfeld
ansprechen: Männer, gegen die kein Strafverfahren läuft, die
nicht wegen der Verurteilung wegen einer Sexualstraftat unter
laufender Bewährung stehen – Männer also, die um ihre pädophile
Neigung wissen, diese unter Umständen sogar bereits in
strafbarer Weise ausgeübt haben. Damit diese Ansprache gelingt,
weisen die Wissenschaftler an der Charite auf ihrer Webseite
www.kein-taeter-werden.de häufig und intensiv auf ihre
Schweigepflicht hin. Keiner von ihnen wird wegen der im Rahmen
der Therapie erfahrenen Umstände gegen den Patienten
Strafanzeige stellen. Einzige Ausnahme ist die konkrete
Ankündigung von Straftaten im Rahmen der Therapie.
Die
Sexualmediziner in Berlin betrachten die Auswirkungen einer
pädophilen Neigung, das heißt insbesondere den Wunsch Kindern
nahe zu sein, und das strafbare Sich-Verschaffen und den Besitz
von Kinderpornographie in erster Linie als Problemverhalten,
nicht als Krankheit. Für die Neigung könne man nichts, für das
eigene Verhalten sei man aber voll verantwortlich. Das bedeutet,
dass es im Rahmen einer Therapie gilt, Strategien zur
Unterdrückung des Handlungsimpulses zu entwickeln. Entscheidend
ist zu lernen, das eigene Verhalten an die Anforderung der
Gesellschaft anzupassen, selbst wenn die eigene Sexualität
andere Ziele vorgibt.
Mit diesem
Ansatz ist Tätertherapie der effektivste Opferschutz.
3.
Konzeption
Aufgrund
der konkreten Ansprache therapiebereiter Männer ist der
therapeutische Ansatz klar: Die Männer können an ihrem
Problembewusstsein abgeholt werden. Ziel der Therapie ist es,
dass die Männer lernen, ihre Neigung zu kontrollieren,
Risikosituationen zu vermeiden, sich in ihre Opfer einzufühlen
und – besonders bedeutsam – beschönigende Umdeutungen zu
überwinden. Häufig genug übertragen pädophile Täter einen großen
Teil der selbst gefühlten Schuld auf das Opfer, welches etwa den
Kontakt selbst gewollt oder durch entsprechendes verführerisches
Verhalten provoziert haben soll. Hier gilt es die Erkenntnis zu
setzten, dass sexuelles Verlangen und dessen Umsetzung immer vom
Erwachsenen ausgeht, selbst wenn das Kind unter Umständen
verhängnisvolle Signale setzt. Verschiedene Forschungsansätze
haben ergeben, dass die Opfer sexueller Übergriffe vor allem
emotional vernachlässigte Kinder sind, die gegenüber dem an
ihnen interessierten Erwachsenen deutliche Signale in Form von
Hingezogensein und Zärtlichkeit setzten. Dies hat jedoch mit der
Vorstellung erwachsener Sexualität nichts zu tun.
Gleichzeitig ist es für die Betroffenen überaus wichtig zu
akzeptieren, dass mit der pädophilen Neigung etwas unabänderlich
zu ihnen gehört. Nur wenn sich diese Einsicht durchsetzt, kann
eine solche Neigung auch zuverlässig kontrolliert werden. Dann
kommt es darauf an, individuell abgestimmte taugliche Strategien
zu entwickeln, was zu tun ist, wenn das Verlangen von dem
Betroffenen Besitz zu ergreifen droht.
4. Angebot
Das hier
vorgestellte Konzept wurde am Institut für Sexualwissenschaft
und Sexualmedizin der Universitätsklinik Charite in Berlin
entwickelt. Inzwischen gibt es ein vergleichbares Projekt auch
an der Universitätsklinik Kiel. Von einer flächendeckenden
Versorgung in Deutschland ist man allerdings noch weit entfernt.
Inzwischen haben jedoch Bayern und Sachsen angekündigt,
angesichts der Ergebnisse des Berliner Projekts nachziehen zu
wollen.
Noch immer
jedoch kommt der Ansatz in der Öffentlichkeit verhältnismäßig
schlecht an. Dies ergibt sich auch aus der Analyse zahlreicher
Internetforen, in denen das Projekt diskutiert wird. Viel
angenehmer und effektiver erscheint es doch, die Betroffenen
wegzusperren und den Schlüssel wegzuwerfen, selbst dann, wenn es
bisher noch zu keinem Übergriff gekommen ist. Die Forderungen
aus der Öffentlichkeit sind beängstigend. Dementsprechend schwer
fällt es der Politik, für solche Projekte Steuergelder
auszugeben. Die Landesregierung Schleswig-Holstein stellt für
das Projekt an der Universitätsklinik Kiel ganze 80.000 Euro zur
Verfügung. Immerhin unterstützt das Bundesjustizministerium die
Medienkampagne des Projekts mit regelmäßig 250.000 Euro pro
Jahr, so dass die Hoffnung besteht, dass auch die Länder nach
und nach großzügiger sein werden. Dazu wird auch ohne Zweifel
der Erfolg der Projekte beitragen, der sich bereits in Berlin
absehen lässt. Jeder therapierte Mann ist ein Beitrag zum Schutz
der Kinder.
„Kein Täter
werden“
www.kein-taeter-werden.de
Telefon 030
4505 29529
praevention-online@charite.de
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Stand: 21.03.10